Nachtkämpfer
Wie kommen die Bücher zum Kunden? Was kann dabei alles schief gehen und geht doch meistens gut? Sabine Wimhöfer-Menjé ist in einen BOOXpress-Lkw geklettert und hat live erlebt, was Transportlogistik im Buchhandel bedeutet:
Brummifahren, ein Wunsch aus Kindertagen geht Jahrzehnte später in Erfüllung. Tonnenschwer und voll gepackt mit wertvoller Fracht, stark und mächtig unterwegs durch die Nacht. Im Auftrag vom BuchMarkt darf ich live die ausgefeilte Transportlogistik des Buchhandels miterleben. Meine "lange Nacht der Bücher" beginnt um 17.00 Uhr in Bad Hersfeld.
In dem hell erleuchteten Zentral-Umschlagbetrieb von BOOXpress in der Mitte Deutschlands herrscht kurz vor Feierabend Hochstimmung. Die emsigen Mitarbeiter haben bereits Tausende mit Büchern bepackte Pakete aus den seit frühmorgens ankommenden LKWs ausgeladen, auf die Bänder der riesigen Sortieranlage gelegt und wenig später von den Entnahmestellen auf Paletten oder in Gitterboxen gestapelt, jeweils sortiert je nach LKW-Route. Für jede Route gibt es eine eigene Verladerampe, beispielsweise ist die für Hamburg neben Berlin und Salzburg.
Vom idyllischen Fachwerkhausstädtchen Bad Hersfeld aus wird Deutschland sternförmig in alle Richtungen beliefert, sechsmal wöchentlich, im exklusiven Dienst nur für den Buchfachhandel.
Mit großen LKWs werden jede Nacht 25 über Deutschland und Österreich verteilte Umschlagsstützpunkte angefahren. Von diesen Stützpunkten aus erfolgt dann die regionale Feinverteilung der Ware bis in jede Buchhandlung.
Die Fahrzeuge transportieren im Auftrag von BOOXpress, einer Tochtergesellschaft des Buchgroßhändlers Libri. Direkt neben der Zentrale von BOOXpress befindet sich das supermoderne Libri-Barsortimentslager. Dort stapeln über 11,5 Millionen Exemplare aus der Literaturwelt, ein Traum für jede Leseratte sich darin für viele Schmöker-Stunden zu verkriechen. Doch viel Ruhe ist auf dem rd. 100.000 qm großen Gelände des Logistikzentrums weder tags noch nachts zu finden. Über 500 Mitarbeiter bearbeiten im Jahresdurchschnitt täglich über 200.000 Buchbestellungen, vom Wareneingang bis zum Warenausgang, in unterschiedlichen Zeitschichten, fast rund um die Uhr.
Bereits nachmittags stehen an den BOOXpress-Verladerampen die LKW-Brücken oder -Anhänger zur Beladung bereit, die innerhalb weniger Stunden mit mehreren Tausend Büchern beladen werden. Pakete und Mehrwegbehälter, zusammengestellt aus Barsortimentsware, Zentrallagerabrufen und Verlegerbeischlüssen. Für die vielen Libri-Kunden eine logistisch preiswerte und praktische Möglichkeit, Waren für den Filialaustausch überallhin in Deutschland im Nachtsprung transportieren zu lassen.
Ich bin noch ganz fasziniert von der automatischen Sortieranlage bei BOOXpress, als ich vor eine schwierige Entscheidung gestellt werde, auf welchem LKW ich denn mitfahren möchte. Tja, München, Dresden oder Köln wären interessant aber ich entscheide mich nach kurzem Zögern für meine Lieblingsstadt Hamburg.
Dort wo meine Füße sind, ist euer Kopf
Gleich ist es soweit, die letzte Palette wird in der nun vollen Brücke für Hamburg abgesetzt. Die Container werden verplombt, der LKW-Fahrer holt seine Frachtpapiere und verabschiedet sich bei den Hersfelder Kollegen. Jochen Urban macht den letzten Kontrollgang um seinen 20 Meter langen Hängerzug und startet den Motor.
19.00 Uhr. Der Pförtner öffnet die Schranke vom Libri-Logistikzentrum und verabschiedet uns für die Fahrt in die Nacht hinein. Hoch oben sitzend, fast erhaben über dem Straßenverkehr fahren wir voll gepackt Richtung Norden. Hinter uns, sicher geparkt, 36 Europaletten mit rund 21.000 kg Büchern.
"Dort, wo meine Füße sind ist euer Kopf, liebe Pkw-Fahrer." murmelt Jochen neben mir belehrend, als er die Pkw-Scheinwerfer bei Tempo 60 auf der Landstraße, dicht hinter sich aufleuchten sieht. "Riskant überholen, gefährden und möglichst eng vor mir einscheren". Der Kampf um die freie Fahrt beginnt häufig schon mit dem Starten des Motors. Nicht ärgern sondern Ruhe bewahren ist angesagt, sonst wird das nächtliche Lotsen des 440 PS starken 40 Tonners gefährlich.
Um 17.30 Uhr beginnt der Arbeitstag des Mittdreißigers aus Eisenach, sein Arbeitsplatz liegt größtenteils auf der Straße, fünfmal die Woche Hamburg und zurück, fünf mal 725 km, egal ob Sonne, Glatteis oder Aquaplaning, immer mit fest vorgegebenen Abfahrts- und Ankunftszeiten.
Sein oberstes Ziel ist, sicher und pünktlich anzukommen. "Wenn ich nicht pünktlich bin, verzögern sich alle mir nachfolgenden Arbeitsschritte im Umschlagbetrieb und im schlechtesten Fall würde das zu einer späteren Anlieferung bei unseren Buchhändlerkunden führen", weiß Urban um seine Verantwortung. Für seinen Hamburger Arbeitgeber Fenthols transportiert er schon seit mehr als sechs Jahren Bücher quer durch Deutschland.
20.27 Uhr. Wir verlassen die Bundesstraße und fahren auf die Autobahn A7. Die sich bewegende Lichterschlange der LKWs wird immer dichter, souverän ziehen wir an den schwächeren LKWs vorbei, fast wie auf einem Thron sitzend. Tip-Tronic nennt sich die Gangschaltung über die Jochen mühelos zwischen den 16 Gängen auswählt um schnell wieder auf die rechte Fahrspur zu wechseln. Der Überholvorgang gibt Auskunft über die Kollegialität des anderen LKW-Fahrers: "Mit einer Lichthupe sagt er mir, dass ich vor ihm reinfahren kann. Wenn ich den Überholvorgang abgeschlossen habe setze ich die Blinker rechts, links und wieder rechts – Danke, Kollege." So harmonisch verläuft es nicht immer, besonders dann nicht, wenn die Strecke viele Steigungen hat, kann schnell ein Konkurrenzkampf der Fahrer entstehen.
Weder Eis noch Schnee behindern heute unseren Zeitplan, von der Kälte da draußen ist im Führerhaus nichts zu spüren. Im Harz setzt Nieselregen ein, aber auch den empfindet man in der Sitzhöhe von fast zwei Metern viel nebensächlicher als am Steuer eines Pkw. Besonders diese Übersicht schätzt Jochen an seinem Beruf, dass er dabei immer einen Spion an Bord hat stört in gar nicht: die kompromisslose Tachodrehscheibe. Die lückenlose Kontrolle schreibt für jede Sekunde einen Strich für Geschwindigkeit und Zeitverlauf.
Altwarmbüchen, kein Stau in Sicht
21.55 Uhr. Kurz hinter Hannover. Ein Anruf von der BOOXpress-Zentrale: Auch die beiden anderen großen LKW für Hamburg sind jetzt pünktlich gestartet. Außerdem wird uns ein flotter 2,5 Tonner mit weiteren Buchpaketen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands folgen, die, bedingt durch Verkehrsprobleme mit Verspätung im zentralen BOOXpress Umschlagbetrieb ankamen. Kurz darauf ein Anruf von unserem Ziel-Umschlagbetrieb aus Hamburg. "Alles klar, kommst du pünktlich an?", fragt der Nachtschichtleiter.
Kurz vor Soltau setzt heftiger Regen ein, Aquaplaning-Gefahr, 6 Grad Celsius Außentemperatur und noch dazu 31 km langes Überholverbot. Inmitten einer langen Lichterschlange kriechen wir weiter Richtung Hamburg umgeben von Bonsai-Trucks. – So der Trucker-Jargon für die Hobbyfahrer in einem gemieteten Transporter. – 23.30 Uhr. Die letzten Kilometer bis Hamburg-Billstedt vergehen dann ganz schnell: Pünktlich und gut am Ziel angekommen, wird Jochen freudig von seinen dick eingemummelten Kollegen auf dem Gelände von Fenthols & Sandtmann begrüßt. Und dann geht alles ganz schnell: 15 Minuten später setzen wir schon die zweite Containerbrücke ab. Nur widerwillig klettere ich aus dem komfortablen, warmen Cockpit in die nasskalte Nacht. Die aufkommende Müdigkeit wird weg gefroren.
Kalter Wind zieht durch die zeitweise geöffneten Beladerampen in die Umschlaghalle hinein, in der schon die ersten vier Verteilerfahrzeuge auf die Lieferung aus Bad Hersfeld warten. Auch der zusätzliche Sprinter aus Bad Hersfeld ist mit den noch fehlenden Büchern schon eingetroffen. Nach einer Pause mit einer dampfenden Schokomilch verabschiedet sich Jochen.
Die gleiche Strecke wieder zurück, beladen mit den Verlagseinholungen aus dem Hamburger Großraum und mit leeren Mehrwegbehältern, die im Libri-Logistikzentrum gebraucht werden.
Wenn alles glatt läuft auf dem Rückweg, wird er um 07.30 Uhr in sein Bett in Eisenach steigen können.
Am mobilen Verteilerband starten die Mitarbeiter mit dem Abpacken der Paletten und Auspacken der Gitterboxen. Viel Handarbeit und Körpereinsatz lassen die Kälte schnell vergessen. "Und los" nur gemeinsam im Team geht es voran und die nächsten Kartons werden weiter geschoben. Jeder Fahrer nimmt die für seine Tour bestimmten Packstücke vom Band und stapelt sie im Laderaum des Transporters. Zwei Uhr ist lange vorbei und der vorletzte LKW ist entladen, jetzt warten alle noch auf den letzten der um 03.00 Uhr eintreffen soll. Bis dahin wird die Zeit gemeinsam im Raucherraum mit abenteuerlichen Fahrer-Geschichten überbrückt.
Kampf gegen die Wartezeit
Hoffentlich kommt er pünktlich an, hoffentlich gab es keine Zwischenfälle wegen Wetter und Verkehr ist eine der größten Sorgen von Holger Clasen, der für das operative Qualitätsmanagement in dieser Nacht verantwortlich ist. Die Zeit kriecht nur so dahin. "Das erste Zustellfahrzeug muss um 03.30 Uhr vom Hof fahren, um rechtzeitig den 06.00 Uhr- Inseldienst in Niebüll zu erreichen." Danach folgt eine je nach Wetterlage vielleicht kritische Fahrt über schmale Landstraßen durch die Heide bis Husum. Dort sind um die Nachtzeit noch keine Winter-Streckenfahrzeuge unterwegs, schnell kann man da bei glatter Fahrbahn abrutschen und der nächste Bauernhof mit dem rettenden Trecker ist meist weit entfernt.
Alle Mitarbeiter arbeiten im Dienste der Bücher, die über Nacht auch in den entlegensten Buchhandlungen eintreffen sollen, egal welche Unwägbarkeiten es zu überwinden gilt. Treffen die Streckenfahrzeuge verspätet am Umschlagbetrieb ein, verspäten sich alle weiteren Abläufe. "Nur 30 Minuten verzögerte Abfahrtzeiten kosten rund 2 Stunden auf der gesamten Auslieferungstour", weiß Clasen besorgt zu berichten. "Je mehr der Morgen naht, umso mehr kommen die Fahrer in höheres Verkehrsaufkommen und gefüllte Einkaufszonen." Eine beunruhigende Vorstellung für jeden Fahrer, der seine gesamte wertvolle Fracht am liebsten lange vor den Ladenöffnungszeiten seinen Kunden anliefern möchte.
03.00 Uhr. Sehnsüchtiges Warten auf den letzten Strecken-LKW. 16 Touren-Fahrer stellen sich schon jetzt auf eine spätere Abfahrt ein. Unruhe kommt auf: normalerweise schaffen sie ihre Tour in fünfeinhalb Stunden, bei einer Strecke von durchschnittlich 260 km und 24 Kunden. Die Nervosität durch den Termindruck wächst bei allen hier im Umschlagbetrieb. Nur Schichtleiter Clasen scheint ruhig einem erfolgreichen Gelingen dieser nächtlichen Herausforderung entgegen zu sehen. Um noch alle Ziele rechtzeitig, meist vor 08.00 Uhr, erreichen zu können, hat er noch zusätzliche Fahrzeuge bestellt, "schließlich haben wir die Kundenversprechen zu halten". Außerdem hat er mit dem LKW-Fahrer telefoniert und weiß, dass er wegen Nebels mit 15 Minuten Verspätung eintreffen wird. Dann endlich, die Nebelzusatzbeleuchtung am Dachspoiler kündigt ihn schon vor der Hofeinfahrt an, das Warten hat ein Ende. Die Fahrer kommen alle wieder in die kalte Halle, packen die letzten Pakete in Ihre Fahrzeuge und sortieren ihre Fracht nach Reihenfolge der Anfahrtziele.
Moorhuhn und selbstgebackener Kuchen
04.00 Uhr. Die letzten Zustellfahrzeuge verlassen nacheinander die Halle und fahren sternförmig in alle Richtungen in den Morgen hinein. Peter Knudzen fährt die Tour Richtung Quickborn. Wir sind gerade fünf Minuten unterwegs, da wird er über sein Mobiltelefon nochmals zum Umschlagbetrieb zurückgerufen. "Auf einer Mischpalette stand noch ein Paket für einen meiner Kunden in Ahrensburg." Nicht ärgern und weiterhin die Ruhe bewahren ist sein Motto. "Wer weiß welch nette Überraschungen heute noch auf mich warten", kommentiert er dennoch gut gelaunt zu dieser frühen Morgenstunde. Er kennt die Tour wie seine Westentasche, kennt jede nur mögliche Abkürzung, alle Alternativstrecke für die er sich blitzschnell je nach Verkehrssaufkommen entscheiden muss. Mit dabei ist immer sein Maskottchen, das Moorhuhn.
Das erste Ziel ist erreicht. Wir parken auf dem Gehweg, Peter nimmt einen Schlüssel von seinem großen Schlüsselbund, öffnet seine Hecktür, stellt vier Libri-Behälter auf seine Sackkarre und schiebt sie vor die Eingangstür der Buchhandlung. Er weiß um die hohe Verantwortung und das in ihn gesetzte Vertrauen, jetzt die Tür einfach aufschließen und das Geschäft betreten zu dürfen. Er stellt die gefüllten Behälter darin ab und nimmt die bereitgestellten leeren der vorherigen Anlieferung mit. Die Abladestellen sind fast immer die gleichen, "wobei ich die Kunden selten persönlich antreffe", erklärt Peter. Zehn Minuten je Kundenstopp sind eingeplant. Unabhängig davon ob einfach und direkt vor der Ladentür geparkt werden kann, oder ob er wie in Einkaufspassagen üblich, mehrere Türen aufschließen und mit dem Aufzug in eine andere Etage zum Lagerraum fahren muss um die bis zu 30 kg schweren Pakete abliefern zu können.
Die Ortschaften erwachen, hinter immer mehr Fenstern brennt Licht, die Straßen werden belebter, es gibt die ersten Brötchen zu kaufen, doch dafür hat Peter keine Zeit. Stattdessen schließt er freudestrahlend die Ladentür seines fünften Kunden hinter sich zu und hält eine kleine Tüte in der Hand: "Selbstgebackener Kuchen für die zuverlässigen Lieferungen, mit den besten Grüßen von Ihrer Buchhändlerin" liest er mir vor und startet die 125 Pferdestärken seines Ford Transit. Noch 14 Geschäfte wird er heute Morgen betreten, von Müdigkeit keine Spur. "In den letzten davon werden mich schon Mitarbeiter freundlich begrüßen und wer weiß, was mich auf dem Weg nach Ratzeburg noch erwartet." Ich dagegen bin inzwischen so müde, dass ich laufend einnicke. Am nächst möglichen Bahnhof verabschiede ich mich von Peter. Während er noch seine letzten beiden Kunden beliefert, sitze ich schon im Bummelzug in die Hamburger Innenstadt. Aber mit meiner Lieblingsstadt werde ich heute nicht viel anfangen können und auch mein Kindertraum vom Brummifahren erscheint mir nicht mehr so verlockend.
Als ich schließlich am Hauptbahnhof auf meinen Zug nach Hause warte und der Mann neben mir in das Buch "Es geht uns gut" von Arno Geiger vertieft ist, muss ich schmunzeln. Wird er eine Vorstellung davon haben, welche Anstrengungen nötig waren, um dieses Buch dorthin zu bringen, wo er es gekauft hat? Wäre ich nicht so müde gewesen, ich hätte ihn danach gefragt und ihm von meiner Nachtkampferfahrung erzählt.
(Diese Reportage erschien zuerst im BuchMarkt Nr. 2 / Februar 2006)
Libri. Bücher bewegen




